Gründen ist überschätzt.

Jeder will gründen. Garage, Pitch-Deck, Product-Market-Fit. Die Mythologie des Gründens ist so gut erzählt, dass niemand mehr die Rechnung dahinter prüft.
Die Rechnung sieht so aus: Du baust zwei Jahre ein Produkt, von dem du hoffst, dass es jemand will. Du suchst Kunden, die es noch nicht gibt. Du erfindest Prozesse, die woanders längst funktionieren. Und die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende nichts davon übrig bleibt, ist höher als alles andere.
Das ist nicht Unternehmertum. Das ist Unternehmertum auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad ;) freiwillig gewählt, weil der einfachere Weg kein gutes Instagram-Foto hergibt.
Der Weg ohne Applaus
Der einfachere Weg: eine Firma kaufen, die es schon gibt.
Tag eins: Kunden, die zahlen. Umsatz, der fliesst. Ein Modell, das bewiesen hat, dass es funktioniert .. nicht in einem Pitch-Deck, sondern über Jahre auf einem Bankkonto. Die Frage «Will das jemand?» ist beantwortet. Deine einzige Aufgabe: es besser weiterführen.
Meistens sind das langweilige Firmen. Reinigung, Unterhalt, Treuhand, ein Webshop, ein Kundenstamm. Genau darum sind sie günstig: Langeweile hat keine Konkurrenz unter Käufern, die alle lieber "etwas mit KI" gründen wollen.
Das Schweizer Zeitfenster
Und der Nachschub kommt gerade in einer Welle. Die Studie "KMU Nachfolge Schweiz" von Dun & Bradstreet zählt über 90'000 Schweizer KMU (rund 15 Prozent), deren Führung die Überalterung droht und die ihre Nachfolge in den nächsten Jahren regeln müssen.
Sei ehrlich mit dieser Zahl: Sie ist aufgebläht, weil die Methodik jede Firma mit Inhabern über 60 mitzählt; auch leere Hüllen und Betriebe, bei denen es nichts zu übergeben gibt. Selbst skeptische Schätzungen landen aber bei mehreren tausend echten Übergaben pro Jahr. Mehrere tausend. Jedes Jahr. Und schon heute gehen gemäss derselben Studienreihe rund 40 Prozent aller Nachfolgen an firmenexterne Käufer: Menschen, die einfach eine bestehende Firma übernommen haben, statt eine neue zu erfinden.
Die Babyboomer treten ab. Auf der anderen Seite steht eine Generation, die gründen romantisch findet und kaufen spiessig. Das ist die Definition eines Käufermarkts.
Warum es trotzdem kaum jemand tut
Drei Gründe.
Erstens: kein Ruhm. "Ich habe eine Reinigungsfirma übernommen" gewinnt keinen Startup-Award. Es gewinnt nur Geld.
Zweitens: Der Markt ist unsichtbar. Wer seine Firma verkaufen will, kann das nicht plakatieren: Mitarbeitende, Kunden und Konkurrenz lesen mit. Also läuft vieles über teure Vermittler oder gar nicht. Das Angebot existiert, aber du siehst es nicht. Immerhin: Es entstehen Plattformen, die genau dieses Problem angehen. Unternehmenshandel Schweiz etwa lässt Verkäufer anonym inserieren, mit Diskretionsstufen bis zur vollen Anonymität und prüft jedes Inserat von Hand, kostenlos und ohne Makler-Zwang. Der unsichtbare Markt bekommt damit zum ersten Mal ein Schaufenster.
Drittens: Angst vor dem Kleingedruckten. Berechtigt. Eine billige GmbH ist billig, weil etwas dran ist: Klumpenrisiko beim Hauptkunden, ein Inhaber, der selbst das Produkt ist, Altlasten in der Bilanz. Wer kauft, kauft auch die Gewohnheiten des Verkäufers. Dagegen hilft keine Romantik, sondern Handwerk: Zahlen prüfen, Verträge lesen, Fragen stellen. Eine Due-Diligence-Checkliste ersetzt keinen Treuhänder, aber sie verhindert die dümmsten Fehler.
Zweiseitige Märkte, dreizehn Jahre später
2013 stand hier, eine Firma sei nichts anderes als ein Two-Sided-Marketplace: zwei komplett verschiedene Kundensegmente, die man zusammenbringen muss. Die Pointe von heute: Inzwischen sind Firmen selbst zur Ware auf zweiseitigen Märkten geworden. Auf der einen Seite abtretende Babyboomer, auf der anderen Käufer, die den Umweg über die Garage überspringen. Wer 2013 verstanden hat, wie Marktplätze funktionieren, erkennt sofort, warum dieser hier gerade erst anläuft und warum das für Käufer die beste Phase ist: wenig Konkurrenz, motivierte Verkäufer.
Unternehmertum kostet weniger als ein gebrauchter Kombi. Was es kostet, ist der Verzicht auf die Gründer-Erzählung und die Bereitschaft, am Montag eine echte Firma mit echten Kunden zu führen, statt an Folie 14 zu feilen.
Es zählt, wer macht. Manchmal heisst machen: übernehmen.